Alle guten Dinge sind DREI !
25. März 2008 von laurens
Hallo noch einmal,
lang schon möchte ich euch vom Ausgang unserer diesjährigen Afrika-Tour berichten. Das wollte ich schon in Äthiopien tun, weil erfahrungsgemäß das Schreiben von unterwegs sehr viel leichter fällt, aber leider war es technisch nicht möglich. Zwar gibt es Internetcafés, aber noch mit herkömmlichen, dh. sehr langsamen Anschlüssen, so dass es jeweils mehr als zehn Minuten dauerte, wenn ich mich in meinen Emailaccount einloggen wollte. Dann hatte ich aber noch keine einzige Mail geöffnet und gelesen. Daher beschloss ich, erst nach der Rückkehr zu schreiben.
Seit über einer Woche sind wir wohlbehalten zurück! Zuhause aber, waren natürlich erst viele andere Dinge zu erledigen… – aber jetzt:
Die wundersame Heilung meines Motorrades in Dongola/Sudan war die letzte Nachricht an euch. Am Abend des Tages nach der Reparatur meines Motorrades, kamen Frank und Georg in die Stadt und damit endete mein Aufenthalt dort.
Ich hatte es sehr genossen, die Stadt etwas näher kennenzulernen und war überall sehr freundlich aufgenommen worden. Nach einem Tag schon kannten mich die Händler auf dem Markt und in den Geschäften und Cafes von Dongola. Besonders natürlich dort, wo ich schon Stammkunde geworden war, wie z.B. in meinem Frühstückscafe, wo ich regelmäßig ein Falafelsandwich gegessen und den stark gesüßten Schwarztee getrunken hatte.
Die Südafrikaner und der schottische Fahrradfahrer waren in der Zwischenzeit ebenfalls angekommen, Frank und Georg sehr überrascht, dass die Reparatur so schnell gegangen war und ich Vor-Ort ein passendes Ersatzteil gefunden hatte. Da wir, aus hygienischen Gründen und wegen der Kleinsttiere (!) grundsätzlich lieber in unseren Zelten schlafen, beschlossen wir die Nacht einige Kilometer außerhalb zu verbringen und am nächsten Tag wieder nach Dongola zu fahren.
In den Feldern entlang des Nils fanden wir zum übernachten ein unbewirtschaftetes Fleckchen unter Palmen. Wunderschön. Der Vollmond erhellte die umliegende Landschaft und tauchte sie in ein traumhaft-mystisches Licht. Aus der einen Richtung hörten wir in der Ferne den Ruf des Muezzin, aus der Flussrichtung das Brummen von vier Motoren, die rund um die Uhr Wasser in die großen Bewässerungskanäle pumpten, um das lebensspendende Nass bis weit in die, entlang des Flusses angelegten Felder zu leiten. Eine sehr erholsame Nacht verbrachten wir hier. Dass es weise gewesen war, ein tatsächlich unbewirtschaftetes Fleckchen als Zeltplatz auszusuchen, zeigte sich am nächsten Morgen, als die Felder rundum teils mehrere zehntel Meter tief unter Wasser standen. Bei Sonnenaufgang waren wir wieder wach und begrüßten nach dem Aufstehen die netten Bauern, die auf ihren Eseln oder Dromedaren gekommen waren und rundum schon emsig arbeiteten.
In Dongola konnte ich für Frank und Georg den Fremdenführer spielen. Ich zeigte Ihnen meine Lieblingsplätze. Die Werkstatt, das Frühstückscafe, den Markt, das Restaurant, den Laden mit den Kaltgetränken, das Internetcafé, und die zugehörigen Menschen. In letzterem waren, wie ich bei meinen Besuchen bemerkt hatte, regelmäßig sehr attraktive Mädchen und Frauen der Stadt anzutreffen. Das, weil dort auch Computerkurse angeboten wurden und für Frauen Computerkenntnisse wohl die Möglichkeiten einer Erwerbstätigkeit stark erweitern. In Banken hatte ich Frauen bei der Arbeit angetroffen, während auf dem Markt und in den allermeisten Geschäften nur Männer tätig waren.
Weil jedoch das Wetter umgeschlagen hatte und ein Sturm viel Sand aufwirbelte, war es nicht mehr so schön durch die Stadt zu flanieren und wir entschieden uns am Nachmittag weiterzufahren. Nicht aber die westlich vom Fluss entlangführende Asphaltstraße wollten wir nehmen, sondern die Piste am gegenüberliegenden Ufer. Sie war anfangs schwierig zu finden, aber das Abenteuer sehr viel größer. Nach dem gelungenen Einstieg ging es immer parallel nilaufwärts Richtung Südost, so dass uns das grüne Vegetationsband zur Rechten als Navigationshilfe diente und anzeigte, dass wir uns nicht verirrt hatten.
Als am Nachmittag der Wind weiter auffrischte, beschlossen wir, in einem der Dörfer entlang des Wegs um Hilfe zu bitten. Zelten in der Wüste war bei dem Wind fast nicht möglich und uns lockten die schützenden Mauern, welche die Häuser der Dörfer und jeweils einen großen Innenhof umgaben. In einem solchen Innenhof Schutz zu finden war unsere Hoffnung. Dass wir schließlich ein komplettes, neu gebautes aber noch unbewohntes Gehöft zu unserer Verfügung haben würden, davon hatten wir nicht zu träumen gewagt. Die Gastfreundschaft, die wir hier erfuhren war erneut riesengroß. In regelmäßigen Abständen wurden wir über die Mauer des nachbarlichen Hauses hinweg mit Tabletts voll Getränken und Speisen versorgt. Die Melone, die wir mitgebracht hatten, verspeisten wir in einer Männerrunde (!) mit unseren Gastgebern bei einer leckeren Tasse Tee. Die Reste der wohlschmeckenden Frucht, bekamen nach Ende unserer Tafel die Frauen gebracht, die sich unsichtbar in Ihrem Teil des Hauses aufhielten und uns den Tee bereitet hatten.
Mir war sehr daran gelegen, die großen Gesten der Dorfbewohner nicht allzu sehr zu strapazieren, weshalb ich auch froh war, als wir uns am nächsten Nachmittag doch aufrafften und weiterfuhren. Nicht ohne vorher ein Dankeschön in Form eines T-Shirt und einer schönen Wollmütze dazulassen. Der Wind hatte etwas nachgelassen und zwischendurch fanden wir über lange Strecken eine gut erkennbare Piste. Dem Drang das grüne Band des Nils nicht zu verlieren, mussten wir immer wieder entgegenwirken und bewusst in die Wüste hineinsteuern. Mehrfach passierte es uns, dass wir in die Dörfer, Felder oder Palmenhaine gerieten, wo ein Weiterkommen sehr viel schwieriger wurde. Rund 130 km nach dem Start in Selima, gegenüber von Dongola, fingen wir an nach Old Dongola bzw. der Fähre zu fragen, um wieder auf die andere Flussseite zu kommen. Ersteres stand zwar auf unserer Karte, war den Bewohnern aber kein Begriff. Die Fähre fanden wir erst nach mehreren Anläufen, der Durchquerung des Nil-Vegetationsgürtels, einigen scheuenden Eseln, von denen einer zu unserem Leidwesen sogar, trotzdem wir im Schritttempo vorbeifuhren, einen alten Mann abwarf, nach vielem Fragen, mit Hilfe eines schließlich bei mir aufgestiegenen Jungen, der uns die richtigen Abzweige zeigen konnte. Wir waren sehr froh, als wir eine kurze Strecke hinter der Fähre, bei anbrechender Nacht in den Nilfeldern einen Platz für die Nacht fanden. Ein Bauer erlaubte uns, auf einem seiner unbebauten Feldern die Zelte aufzuschlagen. Die Nacht war wieder herrlich ruhig und erholsam. Der Wind blieb in der Wüste und hatte keine Chance gegen den dichten Gürtel aus Palmen und anderer Vegetation.
Der Rest unseres Sudanaufenthaltes ist schnell berichtet. Wir entschieden uns rund 800 km abzukürzen und direkt nach Khartum zu fahren. Auf der geraden Asphaltstraße fabrizierten Frank und ich dabei einen Auffahrunfall. Er bremste, während ich mit dem Kartenstudium beschäftigt war… Der Test meiner Protektoren (Dainese und Polo) verlief sehr zufriedenstellend. Sie hielten ihr Versprechen und es blieb, neben Löchern im Stoff von Jacke und Hose, nur ein großer blauer Fleck an der linken Hüfte. Das Kabel und den Abnehmer meines Tachos konnte ich flicken, dank eines guten Klebers, den Plastik-Gabelschutz mit vielen kleinen Kabelbindern wieder funktionsfähig machen und auch die Delle in Franks Träger war nicht irreparabel. Sehr viel Schwein gehabt, kann man da nur sagen!
In Khartum blieben wir drei Tage im Blue Nile Sailing Club und ruhten uns aus. Wir besuchten den Suq von Omdurman, die stets freitags auf einem Friedhof tanzenden Derwische und das Ozone, ein Cafe, in dem sich freitags die Oberschicht aus reichen Sudanesen, Europäern und anderen in Khartum tätigen Bleichgesichtern (z.B. UN-Mitarbeiter und Straßenbauingenieure) treffen. Es gab leckere Törtchen und himmlischen Cappuccino. Wir wuschen alle unsere Sachen, also auch die Zelte, vom Nilstaub frei und erledigten weitere Instandsetzungsarbeiten. Das Wetter war uns hold und es war nicht zu heiß und nicht zu kalt. Tags zwischen 20 und 30° C und nachts kühl genug, um gut schlafen zu können.
Erst bei unserer Abreise Richtung äthiopische Grenze kam der Wetterumschwung und brachte große Hitze und Tagestemperaturen von über 45° C! Beim Fahren hatten wir etwa 43° C, im Schatten nicht viel weniger. So waren wir froh, als nach zwei Tagen die Grenze erreicht und wir wussten, dass die Berge des äthiopischen Hochlandes nicht mehr weit waren.
Mit dem Überschreiten der Grenze wechselten wir nicht nur in ein neues Land, sondern in einen völlig neuen Kulturkreis. Wir verließen den islamischen Raum, den wir ab der Türkei durchfahren und dessen Eigenheiten und Bewohner wir zum allergrößten Teil lieb gewonnen hatten. Ab jetzt war christliches Afrika angesagt. Wobei Äthiopien wiederum sehr eigen und in keinster Weise mit den Ländern Ostafrikas zu vergleichen ist.
Was sich insbesondere änderte, war das Distanz- und Näheverhalten der Bevölkerung. Insbesondere für die Kinder und Jugendlichen waren wir eine willkommene Abwechslung und sie scharten sich jedes Mal in großer Zahl um uns herum, sobald wir irgendwo anhielten. Dabei gab es zumeist keinerlei Hemmungen näher zu kommen und einerseits alles an uns und den Motorrädern anzufassen, zu Be-greifen, und andererseits unverzüglich um etwas zu bitten. Der Volkssport in Äthiopien heißt betteln. Es gibt tatsächlich sehr große Armut und einige Menschen, bei denen offensichtlich ist, dass sie wegen Blindheit oder anderer Behinderungen auf Hilfe angewiesen sind. Denen etwas Geld zu geben war selbstverständlich. Aber es betteln insbesondere die, die es vergleichsweise gut haben. Schüler z.B. wollen von der Bleichnase einen „pen“ oder ersatzweise „money“. Andere finden die Motorradstiefel gut und wollen sie haben oder stellen sich vor, dass ich auf der Stelle, in einer Schar von 50 oder mehr Anwesenden, meine Motorradhose ausziehe und sie ihnen überlasse. Aber warum sollte ich einen meiner drei Kugelschreiber, einfach so, einem aus einer Gruppe von vielen geben? Und was mach ich eine Stunde später im nächsten Dorf, in der nächsten Schar, aus der die nächsten Anfragen kommen?
Nicht immer ist dieses Bad in der Menge unangenehm. Humor ist aber in allen Fällen das einzig wirksame Mittel. Oft trafen wir auf Oberschüler, die vergleichsweise gut Englisch sprechen konnten, was dann zumeist eine Freude, weil eine Unterhaltung möglich war. Nicht einfach war es dabei herauszufinden, ob das Gespräch aus Interesse geführt wurde oder doch vor allem um ein Geschäft einzufädeln. Vielfach waren Schlepperdienste der Hintergrund für das Interesse an einem Gespräch. Noch bevor wir überhaupt angehalten hatten und den Helm abgesetzt, wurden wir dann zugetextet. Das war uns häufig auch schon in Ägypten passiert, so dass wir daran gewöhnt waren, wenngleich es darum nicht mehr Spaß machte. Zum Leidwesen der Schlepper wollten wir Orte wie z.B. die wunderschönen Felskirchen von Lalibela, aber gerne alleine erkunden, so dass wir selten die Dienste eines Guides benötigten.
Im Semien Mountain Nationalpark mussten wir einen Scout mitnehmen, was bedeutete, dass Georg mir seine Gepäckrolle geben musste, um Platz für den Mann mit dem Gewehr zu schaffen. Bis auf 4500m über Normalnull fuhren wir und konnten uns davon überzeugen, dass das Land den Titel „Dach der Welt“ zu Recht führt. Die sehr unterschiedlichen Landschaften waren auf der ganzen Tour ein Höhepunkt. In Äthiopien fuhren wir in einer Runde durch den Norden, vorbei an Gondar, den Semien Mountains, Axum, Sekota, Lalibela, Bahir Dar und den Blue Nile Falls bis nach Addis Abeba. Etwa 1500 km legten wir dabei auf Pisten zurück.
Unterwegs, in Debre Tabor, hatten wir Glück und trafen eine frühere Arbeitskollegin. Ich hatte im vergangenen Jahr mitbekommen, dass sie für den Deutschen Entwicklungsdienst nach Äthiopien gehen würde und ihr einen Besuch angedroht. Außer der Ortschaft, wusste ich weder Telefonnummer noch Emailadresse und so hatten wir uns nicht ankündigen können. Aber an dem Morgen, als wir nach Debre Tabor rollten, fanden wir die mit deutscher Hilfe erstellte Baumschule sofort und trafen sie zwischen zwei Dienstreisen an. Am Abend vorher war sie von einem mehrtägigen Trip zurückgekommen und plante am selben Tag um die Mittagszeit für eine weitere Woche fortzufahren. Die wenigen Stunden mit ihr bei Kaffee und Keksen, in denen sie viel von ihrer Arbeit und den Eindrücken vom Land und den Erlebnissen mit den Menschen erzählte und Vergleiche mit früheren Einsätzen in Namibia und Tansania anstellte, waren hochinteressant.
In Bahir Dar am schönen Tana See blieben wir zur Erholung gute zwei Tage. Der Ausflug zu den Wasserfällen des Blauen Nils, der in der Nähe entspringt, war dabei ein Highlight, ein negatives Erlebnis dagegen, dass Georg auf der Fahrt nach Bahir Dar bereits beklaut und mir in der Stadt mein Tankrucksack aus dem Zelt entwendet wurde, trotzdem es im Garten eines Hotels stand und uns rund-um-die-Uhr Bewachung zugesichert worden war. Dieser Vorfall brachte mich sehr gegen Land und Leute auf. Es fiel mir schwer, das Ereignis auf das zu reduzieren, was es war: das Werk von Einzelnen, die Ihre Chance wahrgenommen hatten, die reiche Bleichnase um einige Ausrüstungsgegenstände zu erleichtern. Da konnten mich auch die vorzüglichen exotischen Säfte zuerst nicht milde stimmen, die es in der Stadt gab. Avocado mit Papaya, Mango und Ananas zum Beispiel. Frisch und ohne Zusätze wie Wasser, Milch oder Zucker. Himmlisch!
In Addis Abeba stehen unsere Maschinen jetzt sehr gut bei einer deutschen Familie, die sich etwa vor einem Jahr aufgemacht hat um eine echte deutsche Bäckerei dort zu gründen. Dies ist ihnen auch gelungen und der Zuspruch seitens der “International Community” (Bleichgesichter) aber auch von Äthiopiern ist sehr groß. Laugenbrötle, Nussecken, Osterlämmer und so weiter, gibt’s in der schönen Bäckerei mit angeschlossenem Cafe. Wir waren aufgrund des Tipps von Jo, Zimmermeister in Nekemte für die CIM, zur Bäckerei gefahren um Landsleuten aufzulauern und nach einer Unterstellmöglichkeit zu suchen. Schnell stellte ich aufgrund des Dialekts fest, dass Brigitte, die Bäckersfrau, aus meiner Heimat stammen musste. Tatsächlich kommt sie vom Bodensee und ich habe anno 1992 mit ihrem Bruder zusammen beim Roten Kreuz gearbeitet (Zivildienst). Mit Alex, ihrem Mann, habe ich im Jahre 1987, als von der Schule aus ein Handwerkspraktikum zu leisten war und ich die Bäckerei Diener in Überlingen dafür wählte – „Dienerbrot bringt schnell den Tod“ – wohl auch schon mal zusammen „g`schafft“. So kurz sind die Verbindungen. Da war es schnell klar, dass wir unsere Zweiräder bei der Familie unterstellen dürfen.
Die vielen weiteren Details, die von einer solchen Reise zu berichten wären erspare ich Euch heute. Frank hat fleißig gefilmt und sicherlich tolles Material für einen „90-Minüter“ beisammen. Unter www.realwaydown.de wird es in Zukunft weitere Infos über die Reise geben. Frank will die Filme dort bewerben und das Ganze etwas erweitern und größer aufziehen als bisher. Außerdem gilt es die rund 3000 Fotos zu sichten und die Spreu vom Weizen zu trennen.
All den Lieben die geschrieben haben ein Extra großes Dankeschön. Wenn eine Mail eintrudelt, dann sind wir wieder unterwegs. Wann, wie lange und wohin, dass wissen wir derzeit noch nicht. Voraussichtlich in 1 bis 1,5 Jahren geht es weiter.
Liebe Grüße
Laurens
ad in 8 Monaten
2radkamele
Email Tagebuch
Amman – Addis Abeba:
